Wenn Kunst Wirklichkeit wird

Kunst die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung eine krass überzogene Realität karikiert ist wichtig um den Betrachtern zu zeigen wie es werden kann, wenn die bestehenden Verhältnisse bleiben wie sie sind. Das Projekt TROIA warnte 2005 vor nichttötlichen Waffen, bei Gesprächen und im Theaterstück scherzten wir noch über die elektronische Fußfessel, die lange etabliert ist. Mitte 2009 schrieb ich in einem BlogbeitragOrwell war ein Optimist”. In seinem Roman 1984, der 1949 erschienen ist, beschreibt Orwell einen grausamen Überwachungsstaat im Jahre 1984 mit künstlich modifizierter Sprache (Neusprech), Gedankenpolizei, Hasswoche und Gehirnwäsche. Als Orwell 1948 diesen Roman schrieb, drehte er die Zahlen Vier und Acht und wählte 1984 als Anspielung auf eine damals sehr fern erscheinende Zukunft. Schon 1984 waren viele seiner Befürchtungen Wirklichkeit geworden und heutige Schüler sehen in Orwells 1984 keine besonders grausame Phantasie. TROIA, das vor einem gewaltbereiten Polizeistaat warnte wurde als Dystopisch und Schwarzmalerisch bezeichnet.

Allein in dieser Woche lese ich, dass Handschellen mit eingebautem Elektroschock zur Patentprüfung eingereicht wurden und das das Jobcenter Brandenburg 18 Hartz-IV Bezieher mit Schrittzählern ausgestattet hat. Es sei das Ziel, „den Teufelskreis von Arbeitslosigkeit und Krankheit zu durchbrechen“. Ich schlage direkt die Patentanmeldung für den Schrittzähler mit Elektroschock vor und zusätzlich den Gehirnstrommesser mit Elektroschock (Elektroenzephaloschocker). Wird ein bestimmter Gehirnstrom aus Blödheit oder wegen Nichtnutzung des Gehirns unterschritten gibt es gleich einen Stromschlag, aber nicht 50000 Volt an das Bein oder den Arm, nein bei mir gibt es stromsparende Millivolt, dafür aber an einen Zahnnerv.

Wenn man sich das alles so durchliest, könnte man zu dem Schluss kommen: auch TROIA war wohl optimistisch.

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TROIA Zeitungsschnipsel

beim Aufräumen habe ich noch ein paar historische TROIA Zeitungsschnipsel gefunden. Viel Spaß!

(Danke an efelon für das Zusammenkleben des Weser Kuriers ;-))

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BBM & BlinkenArea die Zweite

Wenn die Gruppen BBM (Beobachter der Bediener von Maschinen) und BlinkenArea ein gemeinsames Projekt umsetzen, vermischen sich Roboter, Lichtkunst, Politik, Zukunftsangst, Design, Maschinenbau, Kunst & Informatik. Chancen und Risiken. Das Theater der Welt Projekt TROIA – Temporary Residence Of Intelligent Agents war 2005 auf dem Höhepunkt in Stuttgart zum bersten mit Spannungen überladen. Sowohl innen als auch nach außen. Geradazu grotesk und provokant, in die Stadt mit den höchsten Pro-Kopf-Kulturausgaben im Land und einem eher konservativen Theater Publikum eine riesige Pizzaschachtel zu krachen, aus der dann aber keine Pizza heraus kam. Sondern dank der Intendantin Marie Zimmermann eine großartige Bandbreite an modernem Theater. TROIA war weit vorn, durch die nie dagewesene Technik und die Tatsache, dass sich Zuschauer, Schauspieler und Techniker in einem Raum – der die Bühne war – befanden. Die große aber leider fast unbeobachtete Kunst die uns TROIA bescherte, war aber die Wandlung während der Laufzeit. Von einem ausgeflippten, hyperaktiven, zuckenden und von Eindrücken bepackten – zu einem weichgespülten, fast massentauglichen Stück, was jedoch vielen Menschen den Zugang zum Thema überhaupt erst ermöglichte. Es gab tolle Texte in der Presse sowie einen Beitrag bei ttt – Titel Thesen Temperamente im Ersten. Bei den Vorführungen des Hörstücks Demonen lagen am Ende die Besucher auf dem Boden wie Tote. TROIA war erschöpft von den vielen Besuchern und der täglichen Verwandlung. Leider gibt es nur wenige Menschen die alle TROIA Aufführungen gesehen haben und es gibt auch kaum Videoaufnahmen. Dies und auch die Tatsache, dass das TROIA-Gebäude der Aluminiumverwertung zugeführt wurde und jetzt vielleicht als schicke Alufelge herumfährt, stellt einen weiteren wichtigen Punkt von Kunst dar: Vergänglichkeit.

Zur Überschrift BBM & BlinkenArea die Zweite: Inzwischen sind 7 Jahre vergangen. Es gab in der Zeit viele gemeinsame kleine und große Aktivitäten. Die Gruppen haben nicht wirklich den Kontakt verloren, trotzdem fühlt es sich (besonders für mich) wie ein Neuanfang an.

BBM und BlinkenArea präsentieren:

EPKOT – Experimental Prototype Killers of Tomorrow ***

Eine interaktive Installation mit 6 Robotern und 150 qm Pixelfläche in der Messehalle 6 der Hannover Messe vom 23. – 27.04.2012.

Text von Olaf Arndt <olaf ‘at’ bbm.de>:

In dem interaktiven Szenario EPKOT führen sechs Roboter ein “Gespräch”. Es sind Kampfmaschinen, die ohne menschliches Zutun ihren Weg finden und auf das Erscheinen von Personen im Raum reagieren. Die Maschinen sind mithin “intelligent”. Aber was leitet ihr Verhalten?

Ihr Thema: Grenzen und Beschränkungen, aber auch ungeahnte Handlungsmöglichkeiten, jenseits jeder ethischen Skrupel. Hier zeigt sich das wahre Gesicht jener im “Kampf gegen den Terror” ausgerufenen “Revolution in Sachen des Militärs”. Roboter arbeiten heute zur Unterstützung von Grenzkontrolltruppen, helfen Ausrüstung tragen, Gefangene bewachen, dringen selbständig in verminte oder verseuchte Gelände ein. Außer fliegen, klettern, schwimmen, greifen, schneiden und bohren können sie mittlerweile auch recht präzise töten. Ist der perfekte Mörder des 21. Jahrhunderts eine Maschine?

Warum erscheint es den Menschen so komfortabel, die Drecksarbeit von einem Apparat erledigen zu lassen? Wie viel Verantwortung nimmt ein Gerät dem Soldaten ab? Welche Gesellschaft entsteht, wenn wir Apparaten, “einfachen komplizierten Vehikeln”, im Rahmen der Software “gewisse Freiheiten” einräumen? BBM und BlinkenArea errichten zur Beantwortung dieser Frage einen Themenpark eigener Art.

BBM arbeiten für EPKOT mit der Nichtregierungsorganisation ICRAC (International Committee for Robot Arms Control) zusammen. ICRAC untersucht mit Unterstützung international renommierter Experten, welche Kraft zur Veränderung unserer demokratischen Gesellschaft der Einsatz solcher Maschinen besitzt. Zu den hochrangigen Wissenschaftlern von ICRAC zählt Dr. Steve Wright, der an der Universität Leeds einen Lehrstuhl für Globale Ethik bekleidet. Wright hat mit BBM bereits im Projekt TROIA über die “Technologien Politischer Kontrolle” von 2004 – 2006 zusammengearbeitet. Gründer von ICRAC ist Prof. Noel Sharkey, ein kritischer Vordenker der “Künstlichen Intelligenz” und Miterfinder des BBC-Formates “Robot Wars”.

Noch gibt es die autonom feuernden Militär-Roboter nicht. Noch braucht es zwei Personen und eine Kommandokette: stets sitzt ein Mensch an den Joysticks und schießt auf Befehl. Aber die Vision von der autonomen Soldaten-Maschine hat die Science-Fiction-Romane und -Drehbücher verlassen und Eingang in militärische Konzepte gefunden. Der Weg zum bewaffneten Robo-Killer ist frei. Auf mehr als 1700 wird die Zahl der Opfer geschätzt, die allein zwischen 2004 und 2010 durch Drohnen getötet wurden, sagt Noel Sharkey. Seither sind es signifikant mehr.

BBM: Olaf Arndt, Maarten Kippenbroek, Janneke Schönenbach, Lars Vaupel
BlinkenArea: Stefan Schürmans, Stephan Kambor, Martin Winkler

*** Den Namen Epcot haben sich BBM angeeignet und inhaltlich umgedeutet. Er stammt von Walt Disney. Das Akronym EPCOT bedeutet ursprünglich “Experimental Prototype Community of Tomorrow”. Das ist der Name einer utopischen Stadt der Zukunft, die von Walt Disney in Anlehnung an die Struktur seines Heimatdorfes geplant wurde. In Walt Disneys Worten heißt das: “Es wird eine Gesellschaft von morgen sein, die nie fertig sein wird, sondern ständig neue Technologien und Systeme ausprobiert. EPCOT wird ein Vorzeigeprojekt für die Welt sein, für die Erfindungsgabe und Vorstellungskraft der freien Wirtschaft.“

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Ankunft auf dem Camp 2011

Als wir gestern und vorgestern in Finowfurt eingetroffen sind, mussten wir feststellen, dass viele andere Nerds auf dieselbe Idee gekommen waren wie wir, und wir ein überraschend gut gefülltes Chaos Communication Camp vorfanden. Zwischen vielen motivierten Nerds macht der Aufbau gleich viel mehr Spaß als allein auf weiter Flur.

   

Die Kunst des Zeltaufstellens lag vorallem darin, einen Zeit-Slot zwischen den Regenschauern zu nutzen. Seitdem die Zelte stehen, wird unser Zelt durch immer mehr große und kleine Blink-Projekte Stück für Stück zur BlinkenArea – seit gestern Abend blinkt auch der TROIA-Prototyp vor dem Zelt. Bisher haben alle Projekte die Anreise überlebt. Jetzt ist nur noch die Frage, ob auch alle Projekte das Camp überleben 😉 – der Wind, der hier herrscht ist teilweise ziemlich heftig.

Das Camp findet auf dem Gelände des Luftfahrtmuseums in Finowfurt statt und ist eine ziemlich nerdige Kulisse. Es gibt einen großen zentralen Zeltplatz um den die Hangars im Halb-Kreis angeordnet sind. Zwischen den Hangars befinden sich die Versorgungszelte und kleinere Zeltplätze. POC und BlinkenArea haben sich mal wieder gemeinsam an sehr zentraler Steller zwischen den Hangars platziert.

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CLT2010: Dienste und Dämonen

Am vergangenen Wochenende fanden die jährlichen Chemnitzer Linux-Tage an der Technischen Universität Chemnitz statt. Schon zum dritten Mal waren wir mit der BlinkenArea an Bord und rückten trotz des starken Schneefalls mit vielen blinkenden Projekten und ausreichend Deko-Ausstattung an. TroiCade, ARCADEmaxi und der TROIA Prototyp waren wieder an ihren gwohnten Plätzen im Hörsaalgebäude zu finden, während LittleLights in diesem Jahr bei uns am Stand untergebracht war. Dieser lag übrigens direkt an der Flucht zwischen Eingang und Treppe und war damit der bestgelegenste, den wir jemals hatten. Gemeinsam mit dem POC, das in diesem Jahr zum ersten Mal für die Ausstattung der Organistoren und Teilnehmer mit DECT sorgte, ist es uns gelungen, unseren Stand zu einem echten Blickfang zu machen. Viele Besucher kamen oft sogar mehrfach vorbei, schauten sich alles an, stellten Fragen, kamen mit uns ins Gespräch, nahmen Bausätze mit oder spielten via DECT auf LittleLights. Unser Dank gilt den Organisatoren, die uns nicht nur den wunderbaren Standort zugeteilt haben, sondern auch wieder für einen reibungslosen Ablauf und phantastische Verpflegung gesorgt haben, so dass der Wohlfühlfaktor wieder weit oben lag. Wir freuen uns auf 2011!

Die Fotos in diesem Artikel sind von Sascha Ludwig.

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CLT2009 – Aufbau erfolgreich

CLT2009: TroiCade-Aufbau

Dank der großartigen Planung und Hilfe haben wir es geschafft. TroiCade, LittleLights, ArcadeMaxi und der TroiaPrototyp blinken. 🙂 Vielen Dank an die Helfer, ohne die wir das so schnell nicht geschafft hätten. Und weil alles so gut funktioniert hat, hatten wir noch Zeit, unseren Stand erneut zum schönsten Stand zu pimpen. 😉

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Vorbereitungen Easterhack 2008

Dieses Jahr wird sich die BlinkenArea wieder einmal auf einem Easterhack materialisieren. Juliane und ST werden einen Vortrag über TROIA und bluebox halten, ich selbst werde einen Workshop “Einführung in die AVR-Assemblerprogrammierung” und einen Workshop “Schaltplan- und Layoutentwicklung mit freier Software” anbieten.

Im AVR-Workshop soll als Beispiel ein elektronischer Würfel programmiert werden. Damit es auch etwas zu programmieren gibt, habe ich dieses Wochenende neben den Folien für die Workshops ein paar Exemplare der Würfel-Schaltung gelötet. Die recht einfache Schaltung besteht im wesentlichen nur aus einem Spannungsregler, einem Mikroprozessor ATtiny2313, zwei Tastern und sieben LEDs. Eine Platine mit leerem IC-Sockel in der Mitte lässt mir dann natürlich auch keine Ruhe, denn schließlich will man ja auch nicht mit ungetesteter Hardware in den Workshop einsteigen. Daher musste ich praktisch schon einmal den Würfel programmieren. Hier ist das Ergebnis:

edice.jpg

Der Code bleibt natürlich bis nach dem Workshop streng unter Verschluss, denn die Teilnehmer sollen ja etwas lernen – und damit meine ich nicht die Copy&Paste-Funktion eines Texteditors. 😉

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EH2008 Vortrag

Unser halbspontan beim Easterhegg 2008 eingereichter Vortrag “TROIA & bluebox” wurde angenommen. Einen Termin gibt es allerdings noch nicht, aber es ist ja noch etwas Zeit. Viel spannender ist, dass es offenbar einen Strick-Workshop geben wird. Die Hacker-Interessen verschieben sich teilweise in sonderliche Richtungen.

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Chemnitzer Linux-Tage – Tag 1

Totale Begeisterung! Ich bin von den Linux-Tagen sehr positiv überrascht. Schon im Vorfeld hat die Organisation sehr gut funktioniert. Mails wurden schnell beantwortet, die Vortragsplanung lief super und auch die Webseite informierte regelmäßig und aktuell über Neuigkeiten und Änderungen.

Als wir gestern morgen hier ankamen, staunte ich über die Organisation. Die Stände waren aufgeteilt, es gab Stühle und Tische an den richtigen Orten, es gab Strom und Netz sowie einen Aufbauplan.

Wir bauten TroiCade, LittleLights, ArcadeMaxi, den TROIA Prototyp, den PixelCurtain und unseren Stand mit BLINKENmini und einigen kleinen Projekten sowie dem Blink-O-Mat, auf dem BlinkenSisters gespielt werden kann, auf. Alles funktioniert hervorragend und sieht schick aus. In den nächsten Stunden/Tagen gibt es mit Sicherheit auch Bilder und Videos davon.

Allgemein ist alles sehr entspannt und unser Stand ist dauerbelegt, was uns sehr freut. Für morgen 1100 sind wir bei RadioTux zum Interview geladen und um 1330 gibt es unseren Vortrag: Von der leuchtenden Idee zum blinkenden Haus. Ich bin sehr gespannt…

[Nachtrag – 27. Mai 2008: Leider gab es bei der Aufzeichnung des Interviews mit RadioTux am zweiten Tag wohl ein Problem: Das Gespräch ist komplett mit Musik überlagert und es gibt nur einen Mitschnitt des Streams. Deshalb ist das Interview leider nicht brauchbar – schade!]

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FiBu, Untergang und Ruhm!

Irgendwann macht’s ping!
oder: Der Puls des Kuenstlers schlaegt unentspannt zur Stunde.

Protokoll: Olaf Arndt, Gruender

Zeit kommt bei mir in den letzten drei Jahren hauptsaechlich in der Kategorie >sinnlosen Verstreichens< vor. Das hat damit zu tun, dass ich zwei entscheidende Fehler verantworte, deren Folgen ich mit erheblichem buerokratischen Aufwand abzuarbeiten habe. Ich war Leiter eines multinationalen EU-Projekts, dessen Erfolg massgeblich davon abhing, Mittel aus bestehenden Vertraegen von teils sehr renommierten Koproduktionspartnern einzutreiben. Der erste Fehler war, ein Budget so zu verplanen, dass es nur aufgeht, wenn das Finanzamt mitzieht. Der zweite Fehler war, das Projekt personell so gross zu planen, dass wesentliche Teile des Erfolgs in der Hand mir kaum bekannter Dritter liegen, waehrend ich die Verantwortung trage. 90 Prozent der Dritten waren so genannte Kuenstler. Die meisten davon wuerden sich ohne Zoegern als Radikale bezeichnen, als solche, die quer zum Mainstream, Zeitgeist und Kommerz stehen. Underground, haette man vor zehn Jahren noch gesagt. Underground und Geld: eine explosive Mischung.

Zeitgenossenschaft spielt sich seither mehrheitlich als rechtsfoermiger Schriftverkehr zwischen diesen Kuenstlern und meiner Firma ab. Ich sage bewusst >meine Firma< und Kuenstler, nicht >ich und meine Kuenstlerkollegen< , denn ich bin herzlich schlecht identifiziert mit dem, was man heute so als zeit-genoessische Kuenstlerschaft empfindet. Als Genossen habe ich immer andere, in >normaleren< Berufen Taetige empfunden, die weniger mit ihren privaten Bedeutungsekstasen befasst waren und sich mehr auf die Inhalte ihrer Arbeit konzentrieren. Das Penetranteste an den Kuenstlern, die mir auf meinem Weg durch die letzten Jahre mehrheitlich begegneten, ist, dass sie ihren mangelnden Erfolg in aggressive Rhetorik kleiden, statt solidarisch nach Loesungen zu suchen, wenn etwas angebrannt ist. Unentspannt schlaegt der Puls zur Stunde. Alle sind auf der Flucht oder bereits mit dem Ruecken zur Wand, eingeklemmt in ihre verdammte Nische, die immer finsterer wird. Die haltlosen Ansprueche vieler junger Talente, die aus ihren extremen Ecken heraus um ein Marktsegment kaempfen, ueberzogene Ansprueche noch dazu, die sich aus Minderwertigkeitsgefuehlen speisen, innerhalb unserer Erfolgsgesellschaft nur ein verzichtbares Element zu sein, beruhen zumeist auf einer Verwechselung von absichtsvoller Hermetik mit imaginativer Einzigartigkeit. Der Eindruck, ich wolle mich aus Frustration raechen und berichte hier nur von schlimmen Einzelschicksalen, die nicht zu verallgemeinern sind, verschwindet hoffentlich sofort, wenn ich erklaere, dass kaum einer der Kuenstler verantwortlich zu machen ist fuer sein Verhalten. Viele, die jetzt verbittert sind, kannte ich von frueher und kann daher sicher sagen, dass sie nicht mit verbogenem Charakter angefangen haben. Aber er ist oft genug demoliert worden, sukzessive klein gehaemmert, zum Beispiel in zahllosen Stunden mit Antragsarbeit und bei der Lektuere von Ablehnungen. Wir sind alle Torpedokaefer, nach drei-, viermal Starten ist der Panzer voller Dellen. Wer sich nicht rechtzeitig angepasst hat, den Zug der Zeit hat vorbeirauschen lassen, und wer fatalerweise dachte, die grosse Foerdermittel-Giesskanne der achtziger Jahre wuerde sie auch weiterhin ausreichend bewaessern, sie koennten ruhig in ihrer Nische bleiben, so wie Kuenstler ja oft denken, wenn sie nur lange genug das selbe Zeug produzieren, wird's ein Erfolg. Ja, wer also nicht zumindest ein gutes Stueck neoliberaler Alertheit erfolgreich in sein Verhalten einbauen konnte, der bleibt einfach auf der Strecke. Unter Marktbedingungen wird so etwas heute ja nicht einmal mehr als besonderes Schicksal angesehen. Eine anstaendige Pleite mit Untergang von Allem und Jedem ist gewissermassen die Feuertaufe, der Einstieg in ernst zu nehmendere Geschaeftszonen. Man darf allerdings nicht verkennen, dass die Bank des Kuenstlers seine abweichende Psyche ist. Das erklaert auch, warum der Spagat zwischen Atelier und Boerse nicht auf Dauer klappen kann. Dennoch, diese Ueberlegungen im Kopf, stellten die Kuenstler, nachdem man den Schock verwunden hatte, dass sie vom Freund zum Klaeger mutierten oder statt fertig zu arbeiten, >Abfindungen< verlangen, vergleichsweise kein grosses Problem dar bei unserem Versuch, eine Ausstellung auf die Beine zu stellen, die ihrem eigenen Anspruch nach weit in die Zukunft ragen sollte, inhaltlich, medientechnisch und innder Art, wie sie - mitten im oeffentlichen Raum und ohne jeden institutionellen Schutzwall um sich herum - ihr Publikum erobern sollte. Man muss, wenn man mit Kuenstlern Formate sprengen und Neuland betreten will, nur wissen, dass man sie nicht wie Genossen, noch weniger jedoch als Auftragnehmer behandeln oder sich auf ihre Zusagen verlassen darf. Man muss einfach einplanen, Arbeit, Zeit und Geld sinnlos zu verschwenden und darauf hoffen, dass es irgendwann >ping!< macht und es war etwas Gigantisches dabei. Oft, ich moechte sagen, immer entsteht das Grosse voellig nebenher und ohne Vertrag. Am allerwenigsten koennen Festivaldirektoren oder Museumsleiter mit solchen Strukturen [Verschwendung, Scheitern, erfolglose Versuche etc.] umgehen. Vorsicht vor Festivaldirektoren, die einem beim Antrittsbesuch das Versprechen abnehmen, mit diesem naechsten Projekt endgueltig das ueberkommene Alte zu sprengen, rueckstandlos alles abzuraeumen, was an Konvention da ist, und dann, wenn es passiert, von ihrer Verpflichtung gegenueber dem Steuerzahler sprechen oder mit vorsinnflutlichen Qualitaetskriterien daherkommen. Irgendwann Anfang der 1990ger konnte man kein Kunstforum der Welt aufschlagen, ohne mit dem Begriff >Betriebssystem Kunst< zusammenzustossen. Mir wurde erst 2006 klar, dass integraler Bestandteil dieses Systems das Finanzamt und seine Peripherie ist. Freunde in anderen Berufen, Architekten, Filmemacher, Autoren, teilen mit mir aehnliche Erfahrungen. Alles verwandelt sich zu Papier. Ab einem bestimmten Grad von >Erfolg< entwirft man quasi nichts mehr, wehrt dafuer aber mit zunehmend groesserem Zeitaufwand und bei schwindender eigener Energie Angriffe ab, zumeist juristische. Schadenersatzklagen treten an die Stelle von Kulturproduktion. Ohne FiBu, Nachweis der Gewinnerzielungsabsicht und ohne Mehrwertsteuersonderpruefung gibt es kein Kunstwerk mehr. Insbesondere nicht, wenn man, wie wir, auch verwaltungstechnisch Neuland betritt und >nicht steuerbare< EU-Kunstfoerdermittel abgreift, die in kein System der Welt passen. Wenn ich auf die letzten drei Jahre zurueckblicke, die fuer mich auch die ersten drei Jahre Neues Europa waren, mit zahllosen Aufenthalten in Ungarn, Tschechien, Litauen, Polen, Slowenien, dann kommt mir das nicht wie das groesste und spannendste Kunstprojekt meines Lebens vor, das es haette werden sollen, sondern wie eine gigantische Umerziehungsmassnahme, die aus begabten Kuratoren, Theaterleuten und Medienkuenstlern mittelmaessige Self-made-Buchhalter zu machen versucht.