Ich suche keine Freunde am Arbeitsplatz

Jedes Jahr im Oktober oder November geht es los. Es müssen Termine für Weihnachtsfeiern oder Treffen auf dem Weihnachtsmarkt gefunden werden. Ich möchte das alles nicht. Der soziale Druck lastet schwer auf meinen Schultern. Ich arbeite gern und das meiste mit dem ich Geld verdiene macht mir Spaß. Ich empfinde das als großen Luxus. Ich möchte aber mit den meisten meiner Arbeitskollegen keine Freizeit verbringen. Arbeiten super, Freizeit nein. Nicht weil ich sie nicht mag oder ich mich für etwas besseres halte, ich möchte es einfach nicht. Ich habe eine Hand voll Freunde und mit denen kann ich schon kaum Zeit verbringen. Um nicht als Spielverderber da zu stehen, soll ich aber Zeit mit meinen Arbeitskollegen verbringen. Nach der Arbeitszeit. Auf eigene Kosten. Ich verstehe das nicht, vermutlich bin ich ein “Sozialkrüppel”. Beim letzten Abteilungsausflug habe ich mich ganz gut gedrückt und bin lieber arbeiten gegangen. Ich habe nicht zugesagt, dass ich am Gruppenticket partizipieren möchte und bin auch nicht hingegangen. Trotzdem musste ich einen Anteil am Gruppenticket bezahlen. Ich stelle niemandem meine Privatausflüge anteilig in Rechnung, nur weil er nicht explizit abgesagt hat. Es waren 3,75 € und vielleicht ist das heute eben der Preis für einen Tag Privatsphäre. Mit meiner Wahrnehmung hätte ich nun zumindest verstanden, wenn ich eine private Veranstaltung ausrufe und es Personen gibt, die sich nicht melden, dass sie nicht daran teilnehmen wollen. In meinem Fall ist das leider nicht so. Es gab nun die Ansage: weil bei der letzten Veranstaltung nicht alle dabei waren (nicht nur ich), geht das Referat gemeinsam essen und wir suchen einen Termin bei dem definitiv alle können. Ich kann mich nicht wehren ohne unhöflich zu sein. Ich muss den Zeitdiebstahl ertragen. Mein Arbeitgeber übrigens nicht. Wenn ich nach Zeitdiebstahl google, dann erhalte ich zu oberst die Aussage: “Wer seinen Arbeitgeber bei der Arbeitszeit betrügt, muss mit einer außerordentlichen Kündigung rechnen.” Es ist ein Jammer.

Seit etwa einem Jahr studiere ich berufsbegleitend und habe dieses Studium zum Gegenstand eines sozialen Experiments gemacht. Ich habe in den ersten Monaten praktisch an keinen außerunterrichtlichen Veranstaltungen teilgenommen. Theoretisch könnte es jedem vollkommen egal sein was mit den anderen Studenten ist. Jeder hat einen Job und sein Umfeld. Man trifft sich, man lernt, schreibt Prüfungen und nach zwei Jahren klatscht man ab und sagt super fertig Ziel erreicht. Das was uns im MBA-Studium ewig vorgekaut wird. Effizienz: „Die Dinge richtig tun.“ Zielerreichung! Ziel ist der Abschluss. Es ist nicht das Ziel Kumpel von allen Studenten und Ausbildern zu werden. Vielleicht gibt es aus einer Gruppe von 25 Leuten noch 2 oder 3 mit denen Du gut klar gekommen bist und man hält den Kontakt, vielleicht entwickelt sich auch eine Freundschaft. Aber mit allen? Wenn Du Deine Freizeit nicht mit Deinen Kollegen teilst ist die Quittung, dass sie Dich für sozial inkompetent halten, ganz egal was Du in Deiner Freizeit machst und das projizieren sie auf Deine berufliche Kompetenz. Es wird so oft vom “Mittelweg” gesprochen, aber den geht kaum jemand. Entweder Du bist mein Freund und wir drücken uns und lecken uns die Bakterien an die Wangen wenn wir uns sehen und gehen auf den Weihnachtsmarkt oder Du bist mein Feind und es geht gar nichts. Während unseres Studiums müssen wir regelmäßig unsere Kommilitonen beurteilen (KODE Kompetenztest). Die Kategorien sind so gewählt, das wir überhaupt keine richtige Aussage treffen können, denn die Fragen beziehen sich alle auf das Berufsleben. Die Ergebnisse haben weder etwas mit der tatsächlichen beruflichen Leistung noch mit der Leistung im Studium zu tun. Es sind überwiegend subjektive Angaben über das Verhalten in den Pausen und der Freizeit. Ganz vereinfacht, ein Sympathie Barometer. Ich habe dort z.B. schlechte Werte bei der Kommunikation und sehr gute bei der (fachlichen) Kompetenz. Beides stimmt nicht. Ich bin für zwei Jahre in die öffentliche Verwaltung ausgeliehen und wäre ein denkbar schlechter Beamter. Verwaltungsvorschriften, Registratur, Verfügungen? Nichts worin ich gut bin. Auch in der Informatik gibt es reihenweise bessere Leute als mich. Ich kann aber Informatikern die Belange von Nichtinformatikern und umgekehrt gut erklären und vermitteln. Das mache ich im wesentlichen und das funktioniert ganz gut. Auf beiden Seiten kann ich die Wünsche näher in Richtung Realität bringen und Hinweise, Alternativen sowie Erfahrungen beisteuern. Das ist reine Kommunikation. Manchmal ist Kommunikation auch keine Kommunikation. Wichtig ist der Sender aber entscheidend ist nur das, was beim Empfänger ankommt.

Liebe Sender dieser Welt, manchmal enthält nichts senden mehr Information als irgendetwas senden. Alle Zeit die Ihr in die Vorbereitung eurer Sendung steckt, zahlt sich beim Empfänger mehrfach aus. Als Sender habt ihr die Möglichkeit die Zeit des Empfängers zu bereichern oder zu verschwenden.

Liebe Vorgesetzten, liebe Kollegen liebe Empfänger dieser Welt, stellt eure Antennen ab und zu mal neu ein. (Es gibt Menschen die gern mit euch arbeiten, aber keine Freizeit mit euch verbringen wollen.)

 

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2 comments on “Ich suche keine Freunde am Arbeitsplatz

  1. Sehr interessantes Thema. Ich arbeite in einer kleinen Firma – 10 Leute sind wir. Die Kollegen gehen des öfteren mal ein Bier zusammen trinken. Ab und zu gehe ich auch mit – aber meist nur, weil ich mich irgendwie verpflichtet fühle, auch mal mitzukommen. Eigentlich wäre ich in der Zeit nämlich schon viel lieber zuhause bei meiner Frau oder unterwegs mit meinen “echten” Freunden.
    Was erzählt man den Kollegen? Meist drehen sich die Gespräche doch um die Arbeit, hin und wieder um aktuelle Themen.
    Kurz: Ich könnte gut auf diese Abende verzichten, doch will ich nicht das “Betriebsklima” zerstören und als Außenseiter gelten.

    Schon irgendwie ein Dilemma. Bei meinem vorherigen Arbeitgeber blieb mir das verschont – wir waren über 150 Leute, da geht man nicht mal eben mit allen in den Biergarten.

  2. Mir geht es nicht anders. Zum Glück arbeite ich seit 12 Jahren wieder selbstständig und habe keine Kollegen, die mich bespaßen müssen.
    In meinem ersten Arbeitsplatz 1988 habe ich das gesellige Zusammensein fürchten gelernt.
    Der Chef betrank sich immer über alles Maßen und fing an, seine eigenen Mitarbeter auf das Übelste zu mobben, die Kollegen waren teilweise auch nicht besser und als die Mannschaft bei einem Betriebsausflug mal das halbe Hotel zerlegt hatte, fand ich das so was von beschämend, das ich seitdem nie wieder bei solchen Unternehmungen teilgenommen habe.
    Bei einem anderen Unternehmen musste ich trotz Absage jedes Jahr 25 Euro zwangsweise als “Unkostenpauschale” für die betriebliche Weihnachtsfeier bezahlen, die direkt vom Lohn abgezogen wurden. Muss man sich mal vorstellen…

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